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Zeche Zollverein. Lean und Design im Ruhrpott

Die Möglichkeiten sind wirklich vielfältig, die Pfingsttage kulturell unterhaltsam zu füllen. FreundInnen, Bekannte und Familie sind bei Rock am Ring, auf dem Festival der Kulturen in Berlin, dem Jazz-Festival Moers oder sonstwo in der Weltgeschichte unterwegs.

Statt dessen führte der Familienausflug am Pfingstsonntag 2014 zum UNESCO-Welterbe Zollverein – und ich wurde überrascht! Warum? Weil mir unverhofft, aber sehr nachdrücklich vermittelt wurde, wie unglaublich wegweisend und innovativ die deutsche Schwerindustrie vor über 100 Jahren war.

Die Zeche Zollverein war ein Steinkohlebergwerk in Essen, aktiv betrieben von 1847 bis 1986. Seit der Schließung des aktiven Betriebes erhält unter anderem die Stiftung Zollverein das Gelände und die Gebäude und engagiert sich in der Vermittlung der regionalen Geschichte.

Manfred Reichardt, ein pensionierter Essener Werksfeuerwehrmann, führte uns in zwei Stunden durch das Industriedenkmal. Der Mann weiß, wovon er spricht, das merkt man sofort. Kein Wunder – seine und die Geschichte seiner Familie wurde von Zollverein und den umliegenden Zechenanlagen geprägt.

Auf keinen Fall will ich seinem packenden Vortrag vorgreifen oder die Spannung nehmen, den müssen Sie sich schon selbst anhören! Daher nur zwei besonders beeindruckende Beispiele industriellen Fortschrittes, die ich so an diesem Ort nicht erwartet hatte:

Erste Überraschung Architektur: „Form follows function“ 

Zeche Zollverein Essen

Zeche Zollverein Essen

Die beiden Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer gestalteten die Gebäude der Zeche Zollverein in einer vollkommen neuen Art und Weise. Waren zuvor die Industrieanlagen „für die Ewigkeit“ gebaut, wurde für die neue Architektur der Tatsache Rechnung getragen, dass Technologien sich schnell entwickeln und entsprechende Anpassungen immer wieder vorgenommen werden müssen. Die Grundlage der Gebäude bildet eine gegossene Bodenplatte, auf der die Produktionsmaschinen aufgebaut wurden. Anschließend wurden diese Produktionselemente mit einer tragenden und stützenden Stahlkonstruktion umgeben. Die Auffüllung dieser Konstruktion durch Backsteinmauern diente lediglich der Verkleidung.

Der Vorteil dieses Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten Designprinzipes „Form follows function“ war, dass bauliche Veränderungen schnell und effizient durchgeführt werden konnten ohne das gesamte Gebäude neu zu errichten.

„Es ist das Gesetz aller organischen und anorganischen, aller physischen und metaphysischen, aller menschlichen und übermenschlichen Dinge, aller echten Manifestationen des Kopfes, des Herzens und der Seele, dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist, dass die Form immer der Funktion folgt.“
Louis Sullivan

 Zweite Überraschung „Belieferung Just in Time“

Vorbereitung und Belieferung "Just in Time", Zeche Zollverein Essen

Vorbereitung und Belieferung „Just in Time“, Zeche Zollverein Essen

Dachten Sie auch, dass das  logistisches Abruf- und Anlieferungsverfahren „Just in time“ in den 1930er Jahren von japanischen Unternehmen wie Toyota entwickelt und eingesetzt wurde? Weit gefehlt! In der Demonstration der Waschanlage, in der Steine (=“Berg“) von Kohle getrennt wurde, lernen wir von Manfred Reichardt, dass beide Komponenten sofort nach der Verarbeitung an den weiteren Ort der Verwendung transportiert wurden. Keine Zwischenlagerung, keine Lagerhaltung großer Mengen Materials, sondern unverzüglicher Transport an den Ort der Bestimmung. Nur auf diese Art und Weise waren die ungeheuerlich großen Durchlaufmengen zu bewältigen.

Auf jeden Fall einen Besuch wert!

Zugegeben, ein wenig Lokalpatriotismus mag eine Rolle spielen für meinen Enthusiasmus. Dennoch ist für alle, die sich für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft und einen Einblick in vergangene – und doch innovative – Produktionsprozesse interessieren, die Zeche Zollverein einen Besuch wert.

Nicht zuletzt war das Ruhrgebiet auch ein wesentlicher Motor für das Wirtschaftswunder in Deutschland. Seine Geschichte sollte lebendig gehalten werden.

Mir hat der Besuch noch einmal gezeigt, dass  echte, nachhaltige Veränderungen der Vorstellung entspringen , wie eine Situation in der Zukunft sein kann. Besser soll es sein. Und erfolgreicher. Auf jeden Fall anders.

Glück auf!

Glück auf!

 

Autorin: Sandra Aengenheyster

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Juni 2014 von in Wirtschaftswunder und getaggt mit , , .
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